Welche Nachhaltigkeitsnachweise sind für Südtirol von grundlegender Bedeutung?
Der öffentliche Sektor ist ein großer Nachfrager im Hinblick auf Bau- und Renovierungsmaßnahmen. Darum sieht die Politik hier einen guten Ansatz, ihre Ziele im Hinblick auf Umweltverträglichkeit und CO2-Reduktion mit Substanz zu unterlegen und eine Vorreiterrolle einzunehmen. Eine Form der Konkretisierung ist z.B. in Südtirol der für öffentliche Bauvorhaben anzuwendende „Nationale Aktionsplan des Green Public Procurement – umweltorientiertes öffentliches Beschaffungswesen“. Dieser Aktionsplan formuliert Mindestumweltkriterien (MUK), die bei Bauvorhaben einzuhalten und durch die verrichtenden Unternehmen nachzuweisen sind. Auch im Bereich der Privatwirtschaft spielen solche Anforderungskataloge eine immer größere Rolle (Bsp. „Green Building Council Italia“). Im privatwirtschaftlichen Bauen geht es nicht unbedingt darum, „die Welt zu retten“, sondern Gebäude zu errichten, die zukunftsfähig sind und damit langfristig wertiger, als konventionell gebaute Immobilien. Zwei Dinge werden in diesen Anforderungskatalogen bezogen auf Holz- und Holzwerkstoffe aufgegriffen: Gesundheitsschutz/Schutz vor Gefährdungen und Nachhaltigkeit.
Wen betreffen die FSC® und PEFC™ Zertifizierungen?
Für Unternehmen, die viel mit öffentlichen Auftraggebern zu tun haben, ist die Zertifizierung immer mehr Voraussetzung, um im Geschäft zu bleiben. Zusätzlich wachsen die Nachfrager auch im privatwirtschaftlichen Bereich. Green Building – ein Sichtwort, das insbesondere in den Metropolen auch in Italien an Bedeutung gewinnt. Große Bauvorhaben werden unter den Kriterien von LEED (Leadership in Energy und Environmental Design – ein System zur Klassifizierung für ökologisches Bauen) umgesetzt. LEED fordert hinsichtlich des Einsatzes von Holz- und Holzprodukten, dass diese nachweislich nach FSC® oder PEFC™ zertifiziert sein müssen. Auch die CAM-MUK Norm in Italien fordert zertifizierte Produkte.
Was raten Sie unseren mittelständischen Handwerksbetrieben zu Zertifizierungen FSC und PEFC betreffend Nachhaltigkeit?
Der Handwerker muss wissen was seine Kundenstruktur ist. Wenn der Handwerker viel mit Aufträgen im öffentlichen Bereich oder auch mit dem LEED System zu tun hat lohnt es sich in diese Zertifizierungen 2.000€ pro Jahr zu investieren. Dies gewährleistet nicht nur ein besseres Verständnis der Zertifizierungssysteme, sondern auch größere Sicherheit. Wenn dies jedoch nur ab und zu der Fall sein sollte, dann ist es vielleicht keine vernünftige Investition.
Wo hat PEFC™ seinen Ursprung und warum wurde es gegründet?
PEFC™ hat seinen Ursprung in Europa. Grundlage für das PEFC™-System war und ist der hohe Grad der Anforderungen aus den Forstgesetzen in Europa. Die PEFC™-Gründung kann auch ein wenig als Gegenpol zu FSC® angesehen werden. Die europäische Holzwirtschaft wollte sich nicht „diskreditieren“ lassen. Gründerväter von PEFC™ waren Vertreter aus der Holz- und Forstwirtschaft.
Welche Bedeutung hat der Begriff Nachhaltigkeit?
Der Begriff der Nachhaltigkeit geht auf den Freiberger Oberberghauptmann Carl von Carlowitz (1645–1714) und die Waldwirtschaft zurück. Carlowitz zufolge sollte in einem Wald nur so viel abgeholzt werden, wie sich binnen gewisser Zeit auf natürliche Weise regenerieren konnte. Die Rede war von einer „klugen Art der Waldbewirtschaftung“ und „einer beständigen und nachhaltenden Nutzung des Waldes“. Das Prinzip Nachhaltigkeit sollte also sicherstellen, dass ein regeneratives, natürliches System in seinen wesentlichen Eigenschaften dauerhaft erhalten bleibt. Damit war der Grundstein zum Verständnis von Nachhaltigkeit als ressourcenökonomisches Prinzip gelegt.
Welche Unterschiede in der Vergabe der FSC® und PEFC™ Zertifizierungen gibt es im Handel und im Handwerk?
Im Handel ist es ganz einfach. Das Material wird in der Regel nicht bearbeitet oder zusammengebaut und die notwendigen Prozesse sind bereits ausreichend dokumentiert. Im Handwerk kommt die Bearbeitung dazu. Dabei entsteht Verschnitt. Der muss dann zusätzlich dokumentiert werden. Schließlich ist der Grundsatz der Zertifizierung, dass niemals mehr Material aus dem Unternehmen rausgehen darf, als eingekauft wurde. Dies gilt es, in einer Mengenaufstellung abzubilden. Neben Anfangsbestand, Zugang, Abgang und Endbestand braucht es im Handwerk darum noch die Rubrik Verschnitt oder Abfall.
Die Grundlage bilden immer die Chain of Custody-Regelwerke (Coc) der Zertifizierungssysteme FSC® bzw. PEFC™. Bis auf ganz kleine Unterschiede sind hier die Anforderungen beider Systeme gleich und solange es nicht um umfangreiche Produktionsprozesse geht, ist der Aufwand nicht hoch. Unkenntnis, Polemik, Erkenntnisse vom „hören sagen“ lassen die Zertifizierung als teuer, belastend, überbürokratisch erscheinen. Auch der eine oder andere Berater erhöht manchmal den Eindruck der Komplexität, um sein Beratungsvolumen hoch zu halten.